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Mittwoch, 16. Januar 2013

Aus der Bahn geworfen

Minus vier Grad Außentemperatur in Berlin und das Gefühl dass nur ein Eisschrank kälter sein kann, als ich es im Moment sein muss. Zumindest emotional gesehen. Völliger Stillstand nach einer Rutschpartie auf spiegelglatter Fahrbahn. Totalschaden? Manchmal gibt man im Leben einfach viel zu viel Gas am Anfang und fragt sich dann plötzlich, wo die Geschwindigkeit hin ist und warum denn einfach so stehen geblieben ist. In dem Moment weiß man noch nicht mal was nun genau nicht stimmt. Der Reifendruck oder der Motor.

Ich hielt es immer für ein Wunder, dass ich mich tatsächlich verlieben konnte. Hatte ich ja immer geglaubt, dass ich es besser machen würde als meine Eltern. Ich bin ein Scheidungskind und zudem emotional nicht gerade unvorbelastet. Umso mehr traf mich der Blitz im vorletzten Jahr als ich Dezember ihm begegnet war. Und eins was ich im Leben gemerkt habe, auch wenn man die Katze nie im Sack kaufen sollte, sofort mit jemandem ins Bett zu springen ist nie eine gute Idee. Ein Leben auf der Überholspur war noch nie meins und trotzdem legte ich ein Tempo vor, das keiner von uns beiden halten konnte. Ich war zwar nicht allein am Steuer und er gab auch ordentlich Gas. Irgendwann aber wurde das ganze immer brenzliger, bis irgendwann der Erste Kratzer im Lack war. Doch die übermalt man noch und hofft, dass es ohne weiter geht. Nachdem also der erste Richtige Streit nach dem Valentinstag ausgetragen war und man versucht hatte mehr Rücksicht zu nehmen, folgte auch schon der nächste Unfall. Zu meinem Geburtstag stand der erste richtige gemeinsame Urlaub an. Nach Frankreich, meinem Lieblingsland. Doch zu dem Zeitpunkt geriet das Ganze schon immer mehr ins Schleudern. Ein wichtiges Detail hatte ich in meinem jungen Leben bereits gelernt, vor Problemen weg zu laufen, hat absolut keinen Sinn. Denn egal wie schnell zu unterwegs bist, deine Probleme holen dich irgendwann ein. Doch er hatte das in seinem Leben wohl noch nie gelernt und so sollten zwei Mails und der Ende des Urlaubs mit uns kollidieren und die ganze Beziehung zum ersten Mal komplett durchschütteln. Geprellt von der Sache und ohne Dach über dem Kopf, setzten wir nach dem Urlaub bei mir Zuhause weiter an. Doch das Tempo geriet immer mehr außer Kontrolle. Wir meinten schließlich noch einen Gang zu zulegen und beschlossen richtig zusammen zu ziehen.

Je schneller man durchs Leben rast, umso verschwommener wird das was um einen herum ist. Und da unser Tempo bereits alles hinter sich ließ, fuhren wir natürlich prompt in die falsche Richtung. Mit einer Wohnung in Berlin, die uns viel zu teuer sein sollte. Eine Sackgasse also. Und dann war ich auch noch allein. Heimlich war er ausgestiegen und mich zurückgelassen. Nur knapp war ich also der Wand entkommen und setzte zum Rückwärtsgang an. Da stand er auch und nur knapp dem endgültigen Unfall entkommen entschieden wir uns zum neuen Versuch in die richtige Richtung. Doch inzwischen war es Winter geworden und um uns herum immer gefährlicher. Trotz verlangsamtem Tempo und der scheinbar perfekten Straße, sollte auch die nicht ohne Gefahren und viel zu kurz für ein Happy End sein. Wir fuhren also mit unseren Sachen und der Hoffnung auf das Ziel die Straße entlang. Aber diesmal hatten wir das Glatteis nicht gesehen. Jetzt schüttelte es den Wagen gegen die eine und dann gegen die nächste Mauer. Wer gefahren ist wissen wir nicht mehr. Ich muss es gewesen sein, denn ich war mir zuerst so sicher gewesen und dann derjenige der schließlich zögerte und dann doch umdrehen wollte. Das Steuer entglitt mir, weil ich zweifelte und wir gerieten von der Fahrbahn ab. Beide geprellt von der ganze Fahrt. Verzweifelt um unser Leben und um uns beide. Und nun lagen wir da und wussten nicht was passiert war. Tod oder lebendig? Ende oder Anfang?

Er und ich gaben, was wir konnten. Reparaturen, Treibstoff und Herzblut. Wollten wir doch, dass diese Fahrt nicht nur von kurzer Dauer ist. Verfolgt hatte uns ja auch keiner. Und trotzdem jagten wir durch dieses Jahr wie Bonny und Clyde, die von der Polizei verfolgt wurden. Nie hatte ich so viel Freude wie in diesem einen Jahr. Nie so viel gelacht und geweint. Nie hatte ich mich so gut und gleichzeitig so frei gefühlt. Nie hatte ich das Gefühl mehr wert zu sein, als jeder Luxuswagen oder jedes Gemälde. Nie hatte ich mehr gegeben und erhalten. Und doch geriet alles aus der Spur. Ob es wohl am Winter lag? Oder daran die Hand nicht fest genug am Steuer gehabt zu haben? Vielleicht war es aber auch das Tempo einer anderen Stadt, dass es uns aus der Bahn geworfen hatte. Und wenn du dich eh schon auf dem Eis befindest, ist es egal in welchem Tempo nicht leicht in der Bahn zu bleiben. Sehr oft sind es aber nicht die äußeren Bedingungen die den Unfall verursachen, sondern der Motor. Wenn das Herz nicht richtig funktioniert und frei arbeiten kann, dann ist ein Crash vorprogrammiert. Die Frage die jetzt noch bleibt ist, kann man den Wagen noch retten oder ist sein Motor unwiederbringlich beschädigt? Doch es war ein Totalschaden…

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